Ein Wagenrad voller Lichter
Eine Weihnachtserzählung
Leseprobe

Ein Wagenrad voller Lichter
Eine Weihnachtserzählung
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e.e.-gnadenbringende-weihnachtszeit-buchcover
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Hamburg, 1826

Die Lampe blakte, wie zur Anklage. Es war viel zu früh, um kostbares Öl zu verschwenden. Zwar hatte sich die Sonne bereits hinter den Häusern verzogen und das Zimmer, in dem sich der Anzünder des Lichtes befand, lag duster – dennoch war zu dieser frühen Stunde in keinem der umliegenden Häuser der Schein künstlichen Lichtes zu erkennen. Sollten sich seine Kopfschmerzen nicht ins Unerträgliche steigern, brauchte er Helligkeit. Johann drehte den Docht ein Stück herunter und bewegte die beiden Fensterflügel näher zueinander. Wie das Licht liebte er auch die frische Luft. Außerdem musste er sich konzentrieren, um möglichst viel in der nächsten Stunde zuwege bringen. Er war froh, dass die Klavierstunde bei den Lerchensteins heute ausgefallen war, seine Schülerin fühlte sich nicht wohl. Aber das schlechte Gewissen nagte etwas an ihm, denn die Bezahlung, die er für die Privatstunden erhielt, würde ebenso ausfallen. Dabei stand eine neue Woche ins Haus. Eine Woche, in der seine Mutter und die sechs Geschwister essen mussten und in der zwei aufgeschobene Posten beim Schuster zu begleichen waren. Johann erhob sich und öffnete die Fensterflügel wieder ein Stück. Es war ihm, als bräuchte er mehr Luft.
 Er schlug sein Buch auf. Acht Seiten nahm er sich vor, es musste sein!
Es lief nur stockend. Die Sätze wollte nicht fließen, weder in seinen Gedanken noch aus seinem Federkiel. Die Kopfschmerzen wurden stärker. Nicht doch! Er hasste sie! Sie schränkten ihn ein, sie beschnitten seinen Lerneifer und alles das konnte und wollte er sich nicht leisten. Nach einer quälenden Viertelstunde stand er auf, öffnete die Fensterflügel so weit es nur ging. Dann begann er, mit dem Buch in der Hand im Zimmer umherzuwandern und vor sich hinzumurmeln. Er fühlte, dass es um seine Konzentration nicht gut bestellt war, sein Geist wollte ständig abschweifen. In letzter Zeit passierte ihm das öfter und er registrierte in diesem Augenblick einen deutlichen Unmut darüber in sich aufsteigen.
„Sei kein Schwächling“, trieb er sich selbst an, „es ist doch lächerlich!“ Er würde sich gestatten, die Sätze nicht aufzuschreiben, sondern nur laut vor sich auszusprechen, um sich ein wenig selbst zu überlisten. Es half ein bisschen. Er kam vorwärts aber nur langsam, zu langsam. Er sah seinen geliebten Sonnabendtreff dahinschwinden. Er hörte den Tritt seiner Mutter auf der Treppe, sah ihre geröteten Hände auf dem Tischtuch liegen. Wieviel Wolle würde sie wohl heute verkauft haben? Er hoffte, dass jetzt, nachdem der Sommer dem Ende zu ging, der Umsatz wieder besser würde. Er sah sich im Johanneum sitzen und die Zeilen auf seinem Abgangsdokument vor sich, die ihm hohes Interesse, großen Fleiß und überdurchschnittliche Begabung attestierten, vermerkt in den akkuraten Buchstaben des Direktors. Wahre Worte, anerkennende Worte, aber wirkungslose: Hatte er doch das Johanneum kurz vor seinem Abschluss verlassen müssen, das Geld reichte nicht aus für seine weitere private Schulbildung in diesem ältesten Gymnasium seiner Vaterstadt Hamburg. Jetzt gab er wohlhabenden Fräuleins Privatstunden in Musik und leistete Assistentendienste an einem privaten Institut für Knaben. Nebenbei versuchte er in Einzelvorlesungen am Akademischen Gymnasium sich stückweise alles anzueignen, damit er die Berechtigung für den Besuch einer Universität doch noch erlangen konnte.
Sein Unmut steigerte sich binnen Sekunden zu einem Zorn. Auf alle die Umstände. Die Umstände, die seinen Nachtschlaf seit Monaten auf meist weniger als fünf Stunden kürzten. Die Umstände, die ihm früh die Last einer großen Verantwortung auferlegt hatten. Zutiefst jedoch galt der plötzliche Zorn der Endgültigkeit des Todes. Dieses einen Todes und dem mit ihm verbundenen, immer wieder aufkeimendem unbändigem Schmerz. Ein Knall durchfuhr das Zimmerchen als das Griechisch-Buch auf dem glattgeschliffenen Pult aufschlug, während der zerfledderte Band mit den Vokabeln sanft auf die Holzdielen glitt. Ein leiser Ton, der allerdings wie ein erneuter Vorwurf wirkte, wie schon der Ruß der Lampe vorhin. Johann ballte die Hände zu Fäusten, presste die Lippen aufeinander und die Augenlider. Den Schrei aber, der aus seinem Inneren nach außen drängte und seinen Brustkorb verengte, drückte er nieder und presste den Kopf aufs Brustbein. Erst als die Fäuste schmerzten, löste er sie. Dann schlug er die Hände vors Gesicht

Die ganze Geschichte kannst du nachlesen in „Gnadenbringende Weihnachtszeit“