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Liebe Leserinnen und Leser,

Version 2

Eigentlich habe ich gerade Feierabend gemacht, nach einem gut gefüllten Haushaltstag. Putzen, Einkaufen, Essen kochen für alle, Kuchen und Kekse backen. Zwischen alle dem für einige Stunden den einjährigen Enkelsohn dabei, der mir die Schubladen ausräumte, nebenher Kartoffelsuppe mampfte und auf den Arm wollte. Ich kann inzwischen viel besser in so einem kleinen Chaos leben, als ich es mit den eigenen Kindern konnte. Im Stillen rüge ich mich manches Mal dafür. Ich hätte viel entspannter sein können, mit meinen Kindern. Sie sind nämlich prima Söhne geworden, einer auch schon Ehemann und Vater. Dagegen brauche ich mir nicht mehr beweisen, dass ich auch eine gute Hausfrau bin. Ich kann Haushalt, konnte es auch vor 30 Jahren schon, aber selbst, wenn dem nicht so wäre – es käme mir nicht mehr in dem Maße darauf an, wie in meinen jüngeren Jahren. Haushalt ist und bleibt nicht mein bester Freund, obwohl er mir, so grundsätzlich, wie am Schnürchen läuft. Dass der Körper und die Seele eines Kindes umsorgt und  beschützt werden und gleichermaßen ihr Geist geweckt, ist mir längst viel wichtiger. Stimmt es da, findet sehr vieles mit der Zeit in seine richtige Reihenfolge und das Ranking der Wichtigkeiten wird neu gemischt.

Doch das nur am Rande. Eigentlich will ich Sie einfach ein paar Momente lang entführen, in ein Bild, das dieser Tage wie aus dem Nichts in mir auftauchte. Jahrzehnte lang verschollen. Darüber war ich so verblüfft, überrascht und erfreut, dass ich es einfach mit Ihnen teilen muss, so unspektakulär es auch ist.Unweit von meinem Elternhaus gab es eine kleine Villa, in einem verwunschenen Garten. Dort wohnten zwei alten Damen.

Version 2

Im Schwaben meiner Kindheit war es nicht ungewöhnlich, dass man, so umgangsprachlich und für den Hausgebrauch, ledige Frauen „Mädle“ nannte, und sollten sie 90 Jahre alt sein. Was heute einen Aufschrei der Empörung auslösen würde, war völlig normal. Dabei war nicht ein Hauch von Diskriminierung oder Geringschätzung zu spüren, wenn mein Vater von gewissen „Mädle“ sprach. 

Besagte Damen also, in der kleinen Villa, inmitten des verwunschenen Gartens, waren Schwestern. Alice und Gertrud. Meine Mutter besuchte sie von Zeit und Zeit und versorgte sie mit etwas Gutem. Obst, Pralinen, Kaffee, Marmelade, einen Hefezopf, Weihnachtsplätzchen. Je älter sie wurden, auch die eine oder andere Dienstleistung, wie Tisch- und Bettwäsche mangeln, oder etwas einkaufen. Als ich ein Kind war, hatte meine Mutter aufgrund ihres Berufes und dem Handwerksbetrieb meines Vaters oft nur sehr begrenzte Zeit zur Verfügung und so schickte sie immer wieder uns Kinder zu den Fräuleins. Mein älterer Bruder musste hin und wieder zusammen mit meinem Vater oder alleine hin, um irgendetwas zu reparieren. Ich, weil die Jüngste von uns allen, erlebte Fräulein Gertrud und Fräulein Alice am längsten, jeweils bis zu deren Tod. Die beiden lasen auch eine Zeitung, die meine Mutter ihnen organisierte und ich trug sie dorthin aus. So verdiente ich mein erstes Taschengeld als noch recht kleine Schülerin. 

Ich ging gerne dahin. Immer mit einer Mischung aus Ehrfurcht, man musste sich schon konzentrieren, dass alles richtig lief, aber auch mit Freude und Spannung. 

Es führte nur die recht schmale Verlängerung einer langen Straße zu diesem Haus und man musste erst zwei oder drei windschiefe Steinstufen hinaufsteigen, um das Gartentor zu öffnen, das in einem hohen Zaun eingefügt war. Dort gab es eine Klingel, aber ich durfte aufmachen, ohne zu läuten und musste das erst an der Haustür. Ich liebte diesen Garten! Besonders im Frühjahr! Und ich brauchte lange, um ihn, den ebenso windschiefen Steinplatten folgend, bis zum Haus durchquert hatte. Die Wiese erst voller Schneeglöckchen, dann Krokusse, Primeln, Tulpen. Ein paar knorrige Bäume, blühende Explosionen. Später dann Rhododendren, Rosen. Dazu jede Menge Vögelchen und hin und wieder ein Eichhörnchen. Ich konnte einfach immer gucken und ein bisschen träumen und beobachten. Ich wusste genau, an welchem der Bäume eine Schaukel hätte hängen müssen. Und außerdem gab es eine Garage von der Sorte, die mir auch noch heute sofort ins Herz springt, wenn ich eine entdecke. Mit einem richtigen Satteldach und dunkelroten gewellten Ziegeln, zwei oder mehr Fensterchen, oft vergittert, aber trotzdem schön, ein zweiflügeliges Tor. In meinen Geist stand es offen, die Sonne schien hinein und drinnen wohnten Kinder oder Tiere, oder Hobbits? 

Ich brauchte also lange für den Garten und eigentlich, so lautete die Anweisung meiner Mutter, sollte ich den Weg nutzen, um zu prüfen, ob meine Kniestrümpfe nicht auf Halbmast hingen – es kam durchaus öfter vor -, ob meine Nase geputzt war und die Haare ordentlich. Ich hatte furchtbar altmodische Zöpfchen, während in der Mädchenwelt um mich herum Jungshaarschnitte angesagt waren. (Trotzdem ist für mich die Modewelt der Siebziger bis heute eine Geschmacksverirrung, verübeln Sie es mir nicht ). 

Wenn ich dann bei den Fräuleins auf den Klingelknopf drückte, nicht ohne vorher die schöne alte Schrift auf dem Messingschild an der Wand bewundert zu haben, war ich bereit: Die Worte zurechtgelegt, noch einmal die Schuhe an der Rückseite der Strümpfe abgerieben, keine Haarsträhnen über den Augen. Knicksen musste ich nicht mehr, das hielt meine Mutter nun wirklich für überholt, selbst wenn die Damen das vielleicht gerne gesehen hätten. Nie wurde ich an der Haustür abgefertigt. Nie wie ein kleines dummes Kind behandelt. Heute glaube ich, dass die Fräuleins von Kindern eigentlich gar keine Ahnung hatten. Drinnen war für mich Märchen. Es war alles aus der Zeit gefallen. Alles voll. Geknüpfte Brücken über orientalischenTeppichen, Deckchen über Tischdecken. Zeitungen über Büchern. Silberlöffelchen, Zuckerdosen, Mokkatässchen. Miniaturen an den Wänden. Stoffbespannte Vitrinen und Schränke. Veilchenseifengeruch und Maiglöckchenparfüm, Broschen und Stoffschuhe und weite Mäntel mit Pelzbesätzen aus den Zwanzigern.

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Irgendwann musste ich die Treppe ins Obergeschoss hinaufsteigen, weil Fräulein Alice nicht mehr runterkam und mich trotzdem sehen wollte und mir übers Haar streichen. Fräulein Gertrud kam am Stock nicht mehr gut hinauf, tat aber so, als wäre es ein Klacks, das zu schaffen. Und ich tat so, als würde es mir überhaupt nichts ausmachen, hinter ihr her zu stehen, denn normalerweise war ich auf Treppen sehr flink unterwegs. Ich strich nebenher heimlich rechts an der getäferten Wand entlang oder fuhr links über das gedrechselte Geländer, oder entzifferte die Titel der Zeitungsstapel, die auf den Stufen lagen und versuchte herauszufühlen, was die Wörter bedeuten konnten. 

Eine bestimmte Zeit musste ich auf jeden Fall bleiben. Solange ich keine Uhr besaß, bis ich artig alle Fragen beantwortet hatte und mir die Fräuleins notfalls sagen würden, dass ich jetzt wieder gehen dürfe. Ich kam zurecht. Selbst, wenn Fräulein Gertrud einen schlechten Tag hatte und schlecht war schlecht. Aber weil mein Vater immer gütig und manchmal mit einem leichten Seufzer oder auch einem vielsagenden Lächeln, von den „Mädle“ sprach, beschloss ich, dass selbst ein schlechter Tag von Fräulein Gertrud mir nichts anhaben konnte. Außerdem lohnte es sich, auch wenn es nicht der Lohn war, der mich hinzog. Wenn ich anderswo für einen Dienst dieser Art, den mir meine Mutter auftrug, mal zehn Pfennige bekam, konnte es bei Fräulein Gertrud auch 50 Pfennige sein. Manchmal eine Sarotti-Schokolade oder ein After-Eight. Da mir als Kind von sowohl von Schokolade als auch von Pfefferminz übel wurde, verschenkte ich beides großzügig. Die eher seltenen Kekse mit Orangenaroma waren mir lieber oder nur ein Gletschereis-Bonbon. Damit war ich ganz zufrieden, denn ich war ja träumen gewesen, mitten im schnöden Kinderalltag. 

Nach nach meiner Konfirmation musste ich Kuchen hinbringen, Fräulein Alice war nur noch ein Schatten ihrer selbst und sie tat mir sehr leid. Als beide Mädle tot waren, habe ich echt getrauert. Um diese Gelegenheit einer Traumflucht, um die Geschichte dieser beiden Frauen, die irgendwann ihren Platz verloren hatten und die eigentlich erzählt werden sollte. Mein Vater wie er war, hätte am liebsten dieses Haus gekauft und das Grundstück. Heute im Grunde unbezahlar. Das Haus hat die Stadt gekauft, es wurde abgerissen, und lauter normale Häuser in den verwunschenen Garten gebaut. Von meinem Kindheitszauber ist jegliche Spur verloren. Nur der in mir ist noch übrig. 

Das Leben als solches ist es, das es lebenswert macht, weil es die Sehnsucht nach Gutem in sich trägt, das Indiz der Ewigkeit.  

Gesegnete Ostern, bleiben Sie behütet, Ihre Elisabeth Eberle